Kultur

Der Europapokalsieger, der aus dem Profifußball verschwand

Spieler des 1. FC Magdeburg mit dem Europapokal der Pokalsieger nach dem Finalsieg 1974

1974 besiegte der 1. FC Magdeburg den AC Mailand und erreichte einen Erfolg, den kein anderer DDR-Club je wiederholen sollte. Nach der Wiedervereinigung verschwand der Verein für Jahrzehnte aus dem Profifußball. Heute gehört der FCM wieder zur 2. Bundesliga. Die Geschichte eines Clubs, bei dem Vergangenheit und Gegenwart ungewöhnlich eng zusammenliegen.

Am 8. Mai 1974 stehen sich im Rotterdamer De Kuip zwei Mannschaften gegenüber, deren Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten.

Auf der einen Seite der AC Mailand. Titelverteidiger im Europapokal der Pokalsieger. Giovanni Trapattoni sitzt auf der Bank. Gianni Rivera, Europas Fußballer des Jahres 1969, führt die Mannschaft auf dem Platz.

Auf der anderen Seite steht der 1. FC Magdeburg.

Eine Mannschaft aus der DDR, trainiert von Heinz Krügel und geprägt von Spielern aus der eigenen Region. Ein Team ohne die internationale Strahlkraft des Gegners.

90 Minuten später hat Magdeburg mit 2:0 gewonnen.

Ein Eigentor von Enrico Lanzi kurz vor der Pause bringt den FCM in Führung. In der 74. Minute trifft Wolfgang „Paule“ Seguin zum 2:0. Der AC Mailand findet keine Antwort mehr.

Der 1. FC Magdeburg ist Europapokalsieger.

Bis heute ist er der einzige Club der ehemaligen DDR, dem das gelungen ist.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später spielt dieser Europapokalsieger in der 2. Bundesliga.

Dazwischen liegt eine Vereinsgeschichte, die weit mehr erzählt als Auf- und Abstiege.

Eine Mannschaft aus der Region schlägt Europas Elite

Der Triumph von Rotterdam wirkt aus heutiger Perspektive fast unwirklich.

Magdeburg hatte sich über NAC Breda, Baník Ostrava, Beroe Stara Zagora und Sporting Lissabon bis ins Finale gespielt. Dort wartete Milan.

Spielszene und jubelnde Magdeburger beim ersten Tor im Europapokalfinale 1974 gegen den AC Mailand

Krügel musste ausgerechnet für dieses Spiel auf den gesperrten Klaus Decker verzichten. Seine Lösung war Helmut Gaube, ein Spieler mit kaum Europapokal-Erfahrung. Gaube bekam eine der schwierigsten Aufgaben des Abends: Er sollte Rivera aus dem Spiel nehmen.

Der Plan funktionierte.

Darin steckt viel von dem, was diese Magdeburger Mannschaft auszeichnete. Krügel setzte auf Nachwuchsarbeit, entwickelte Spieler und formte eine Mannschaft, die taktisch mit Europas Großen mithalten konnte.

Schon 1972 hatte der FCM mit einer außergewöhnlich jungen Mannschaft seine erste DDR-Meisterschaft gewonnen. 1974 folgten Meisterschaft und Europapokal, 1975 die dritte Meisterschaft innerhalb von vier Jahren.

Zwischen 1964 und 1983 erreichte Magdeburg siebenmal das Finale des FDGB-Pokals. Siebenmal gewann der Club.

Bis 1990 absolvierte der FCM 72 Europapokalspiele. Vier weitere Male erreichte er neben dem Titelgewinn ein europäisches Viertelfinale.

Magdeburg war in dieser Zeit keine kuriose Ausnahmeerscheinung. Der Club gehörte zur Spitze des DDR-Fußballs.

Heinz Krügel – der Mann hinter dem größten Erfolg

Trainer Heinz Krügel mit Spielern des 1. FC Magdeburg nach dem Europapokalfinale 1974

Ohne Heinz Krügel lässt sich diese Geschichte kaum erzählen.

Als er 1966 nach Magdeburg kam, war die Mannschaft gerade aus der DDR-Oberliga abgestiegen. Krügel führte sie unmittelbar zurück und begann anschließend, den Kader schrittweise zu verjüngen.

Spieler wie Jürgen Pommerenke, Axel Tyll, Klaus Decker, Detlef Raugust und Martin Hoffmann rückten ins Zentrum einer Mannschaft, die wenige Jahre später Titel gewinnen sollte.

Krügel galt als hervorragender Taktiker und Talentförderer. Seine Bedeutung für den Verein reicht aber über den Fußball hinaus. Denn die Geschichte des erfolgreichsten Magdeburger Trainers erzählt zugleich auch etwas über die DDR.

Zwei Jahre nach dem Europapokalsieg war seine Karriere beim FCM bereits beendet. Krügel galt den politischen Funktionären als unbequem. Nach einer titellosen Saison wurde er 1976 nach Berlin zitiert und mit einem Berufsverbot belegt. Nach Darstellung des Vereins wurden unter Mitwirkung des Ministeriums für Staatssicherheit Gerüchte über ihn verbreitet, die seine Entlassung rechtfertigen sollten. Bis zur politischen Wende arbeitete der erfolgreichste Trainer der Vereinsgeschichte unter anderem als Objektwart im Heinrich-Germer-Stadion.

Erst 1991 wurde Krügel rehabilitiert. Heute steht sein Denkmal vor dem Magdeburger Stadion. Der Platz trägt seinen Namen.

Damit steht dort nicht nur die Erinnerung an einen Trainer. Es ist auch die Erinnerung daran, wie eng Fußball und Politik in der Geschichte dieses Vereins miteinander verbunden waren.

Dann kam 1990 die Wende

Für viele ostdeutsche Clubs bedeutete die deutsche Wiedervereinigung einen fundamentalen Umbruch. Für Magdeburg wurde daraus ein sportlicher Absturz.

Die letzte europäische Saison spielte der FCM 1990 gegen Girondins Bordeaux. In beiden UEFA-Cup-Partien unterlagen die Magdeburger 0:1. Bei Bordeaux standen damals unter anderem die späteren Weltmeister Bixente Lizarazu und Didier Deschamps auf dem Platz.

Nur wenige Monate später ging es nicht mehr um Europa. Für Magdeburg ging es darum, im neu geordneten deutschen Fußball überhaupt einen Platz im Profibereich zu finden.

1991 verpasste der Club in den Qualifikationsspielen den Sprung in die 2. Bundesliga. Der ehemalige Europapokalsieger fand sich in der Oberliga Nordost wieder. Auch die spätere Einführung der Regionalliga brachte zunächst keinen Durchbruch.

Der Abstand zum großen Fußball wurde größer.

Als 2008 die eingleisige 3. Liga eingeführt wurde, verpasste Magdeburg auch diese Qualifikation. Der Club blieb viertklassig. Zeitweise drohte sogar der Fall in die fünfte Liga.

Aus einem Verein, der einst den AC Mailand in einem europäischen Finale besiegt hatte, war ein Regionalligist geworden.

Und dieser Zustand hatte länger Bestand, als man zunächst gehofft hat das.

Fast ein Vierteljahrhundert ohne Profifußball

Wer den heutigen 1. FC Magdeburg nur aus der 2. Bundesliga kennt, unterschätzt leicht, wie lang der Weg zurück tatsächlich war. Zwischen der Wiedervereinigung und der Rückkehr in den Profifußball verging beinahe ein Vierteljahrhundert.

2012 begann unter anderem mit Mario Kallnik und Trainer Andreas Petersen ein sportlicher Neuaufbau. Zwei Jahre später übernahm Jens Härtel.

In der Saison 2014/15 gewann Magdeburg die Regionalliga Nordost. Weil Meister damals nicht automatisch aufstiegen, wartete anschließend noch die Relegation gegen Kickers Offenbach.

Magdeburg gewann das Hinspiel 1:0.

Im Rückspiel am Bieberer Berg folgte ein 3:1.

Der FCM war zurück im Profifußball.

2015.

41 Jahre nach Rotterdam.

Der zweite Aufstieg

Diesmal ging es wesentlich schneller wenn.

Unter Härtel etablierte sich Magdeburg in der 3. Liga. In der Saison 2017/18 wurde daraus eine Rekordsaison. Am 21. April 2018 machte der FCM mit einem 2:0 gegen Fortuna Köln den Aufstieg perfekt. Zum ersten Mal überhaupt qualifizierte sich der 1. FC Magdeburg damit sportlich für die 2. Bundesliga.

85 Punkte standen am Saisonende zu Buche – ein Drittligarekord, den der FCM bis heute mit Eintracht Braunschweig teilt. Mehr als 6.000 Magdeburger begleiteten die Mannschaft zum abschließenden Auswärtsspiel nach Lotte.

Doch die erste Zweitligasaison endete sofort wieder mit dem Abstieg. Und wenige Jahre später drohte sogar erneut die Regionalliga.

In der Saison 2020/21 kämpfte Magdeburg in der 3. Liga um den Klassenerhalt. Im Februar 2021 übernahm Christian Titz. Nach drei Niederlagen zum Start blieb seine Mannschaft elf Spiele hintereinander ungeschlagen und rettete die Saison.

Ein Jahr später wurde Magdeburg Drittligameister.

Am 24. April 2022 machte ein 3:0 gegen Zwickau Aufstieg und Meisterschaft vorzeitig perfekt.

Jubel beim 1. FC Magdeburg im Spiel gegen den FSV Zwickau am 24. April 2022

Der Europapokalsieger war wieder zweitklassig.

Diesmal blieb Magdeburg

Der Unterschied zu 2018 war entscheidend.

Magdeburg wollte diesmal nicht nur die 2. Bundesliga erreichen. Der Verein musste beweisen, dass er dort bestehen konnte.

2022/23 gelang erstmals in der Vereinsgeschichte der Klassenerhalt in der 2. Bundesliga. Unter Titz entwickelte der FCM eine ballorientierte Spielweise, die dem Club eine erkennbare sportliche Identität gab.

Damit war eine Grenze überschritten, die für Magdeburg jahrzehntelang unerreichbar gewesen war. Der Verein war wieder dauerhaft im Profifußball angekommen.

Dass der Weg keineswegs geradlinig weiterging, gehört ebenfalls zur Geschichte. Trainer wechseln, Spieler gehen, sportliche Konzepte verändern sich. Die Realität eines Zweitligisten ist wesentlich weniger romantisch als die Rückschau auf Rotterdam.

Darin liegt jedoch der Unterschied zu den Jahren nach 1990: Magdeburg gehört fest zur zweiten Bundesliga und kämpft heute innerhalb des Profifußballs um seine Zukunft. Nicht mehr um die Rückkehr dorthin.

Ein großer Club in einer vergleichsweise kleinen Stadt

Die Bedeutung des FCM lässt sich auch an Zahlen ablesen: Anfang 2026 überschritt der Verein erstmals die Marke von 16.000 Mitgliedern. Mitte 2010 waren es nur etwas mehr als 1.000 gewesen.

Der Nachhaltigkeitsbericht des Clubs weist 223 offizielle Fanclubs mit mehr als 3.800 organisierten Fans aus. 174 dieser Fanclubs befinden sich in Sachsen-Anhalt. Bei attraktiven Heimspielen ist die Avnet Arena mit rund 28.800 Zuschauern ausverkauft.

Diese Größenordnung ist für die Geschichte des Vereins wichtig.

Magdeburg ist keine Millionenmetropole. Die Verbindung zwischen Stadt, Region und Club ist deshalb unmittelbarer als bei vielen anderen Profivereinen.

Der FCM ist ein Stück lokaler Identität.

Und diese Identität überlebte Jahrzehnte ohne Erst- oder Zweitligafußball.

Vergangenheit, die nicht vergeht

Bei manchen Vereinen liegt große Geschichte wie ein Museumsstück hinter Glas. In Magdeburg ist sie überall:

Heinz Krügels Name steht vor dem Stadion. Jürgen Sparwasser ist weit über den Club hinaus Teil deutscher Fußballgeschichte. Wolfgang Seguins Treffer gegen Milan läuft noch immer in Rückblicken. Die Europapokalhelden werden im Stadion gewürdigt. 2024 feierte der Verein den 50. Jahrestag von Rotterdam mit einer ganzen Veranstaltungsreihe.

Das kann Belastung und Kraftspender zugleich sein.

Keine heutige Magdeburger Mannschaft wird sinnvoll daran gemessen werden können, ob sie einen Europapokal gewinnt. Die wirtschaftlichen und sportlichen Bedingungen haben sich vollständig verändert.

Trotzdem liefert 1974 dem Verein etwas, das sich nicht kaufen lässt: Eine eigene Geschichte und eine eigene Identität.

Warum Magdeburg in diese 2. Bundesliga gehört

Die heutige 2. Bundesliga lebt von Vereinen, deren Bedeutung sich nicht vollständig über den aktuellen Tabellenplatz erklären lässt. Der 1. FC Magdeburg ist dafür eines der besten Beispiele.

Seine Geschichte enthält einen europäischen Triumph, politische Eingriffe, den Systembruch von 1990, Jahrzehnte außerhalb des Profifußballs, zwei Rückkehransätze und eine lebendige Fanszene, die den Club durch all diese Phasen begleitet hat.

Am 8. Mai 1974 stand Magdeburg auf dem europäischen Fußballgipfel. 41 Jahre später feierten die Fans den Aufstieg in die 3. Liga.

Weitere sieben Jahre danach kehrte der Club zum zweiten Mal in die 2. Bundesliga zurück.

Diese drei Daten gehören zu demselben Verein.

Genau darin liegt die Besonderheit des 1. FC Magdeburg.

Wer heute in der Avnet Arena ein Zweitligaspiel sieht, sieht einen modernen Club der modernen Fußball lebt.

Wer seine Geschichte kennt, sieht noch etwas anderes: Wie tief kann ein Fußballverein fallen – und wie lange eine Stadt bereit sein kann, auf seine Rückkehr zu warten.