Zwischen Schulhof und Zweiter Liga: Die zwei Leben des Tobias Heß

Auf dem Pausenhof der Grundschule in Pilsach braucht Tobias Heß keinen Matchplan. Wenn die Kinder einen Ball dabeihaben und der 20-Jährige Pausenaufsicht hat, spielt er schon einmal mit. An anderen Tagen wird gekehrt, aufgeräumt oder etwas zusammengeschraubt. Heß arbeitet hier als Hausmeister auf Minijob-Basis, und das bereits seit vier Jahren. Damals war er 16, Nachwuchsfußballer beim 1. FC Nürnberg und noch weit entfernt von einem Einsatz in der 2. Bundesliga.
Heute führt sein Weg regelmäßig von Pilsach zum Valznerweiher. Heß trainiert mit der Mannschaft von Miroslav Klose, stand in dieser Saison mehrfach im Profikader und hat seine ersten Minuten in der 2. Bundesliga gespielt. Seinen Nebenjob an der Grundschule hat er behalten. Während seine Fußballkarriere in den vergangenen Monaten einen großen Schritt gemacht hat, ist ein Teil seines Alltags derselbe geblieben.
Es ist die Geschichte eines Spielers, der innerhalb weniger Jahre sämtliche Stufen des Nürnberger Nachwuchses durchlaufen hat und nun um seinen Platz im Profifußball kämpft. Angefangen hat dieser Weg auf den Fußballplätzen rund um Neumarkt.
Vom SV Höhenberg zum Club
Tobias Heß wurde am 13. Juni 2006 geboren und wuchs in Anzenhofen auf, einem Gemeindeteil von Pilsach im Landkreis Neumarkt. Zum Fußball kam er mit fünf Jahren über seinen Cousin. Seine erste Station war der SV Höhenberg, anschließend spielte er für den BSC Woffenbach und den ASV Neumarkt. Im Jahr 2020 folgte mit 14 Jahren der Wechsel ins Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Nürnberg.
Fußball spielte auch in der Familie längst eine Rolle. Sein Vater Stefan lief selbst als Stürmer für den ASV Neumarkt in der Bayernliga auf und ist seit Jahrzehnten Anhänger des 1. FC Nürnberg. Als Tobias noch nicht selbst fahren konnte, brachten ihn Vater Stefan, Mutter Martina oder Großvater Josef zum Training nach Nürnberg. Inzwischen sitzt er selbst am Steuer und pendelt zwischen seinem Elternhaus in Anzenhofen und dem Trainingsgelände am Valznerweiher.
Beim Club führte sein Weg ihn über die eigenen Nachwuchsmannschaften. Für die U17 bestritt Heß 15 Spiele in der Junioren-Bundesliga, für die U19 kamen 22 Ligaspiele und ein Einsatz im DFB-Pokal der Junioren hinzu. Im März 2025 folgte dann der erste Einsatz für die zweite Mannschaft in der Regionalliga Bayern.
Dort wurde aus dem Nachwuchsspieler innerhalb kurzer Zeit ein fester Bestandteil der Mannschaft. Zehn Regionalligaspiele absolvierte Heß noch in der Saison 2024/25, in der folgenden Spielzeit kamen 30 weitere hinzu. Nürnberg II gewann mit 77 Punkten aus 34 Spielen die Meisterschaft der Regionalliga Bayern. Der Verein hatte allerdings bereits im Februar entschieden, keinen Zulassungsantrag für die 3. Liga zu stellen. Infrastrukturelle und wirtschaftliche Fragen sowie das Ausbildungskonzept der U23 gaben nach Angaben des FCN den Ausschlag. Für Heß führte der Weg stattdessen in eine andere Richtung.
Miroslav Klose nimmt Heß mit nach Südtirol
Als die Profimannschaft im Sommer 2026 ihre Vorbereitung aufnahm, bekam Heß die Gelegenheit, sich bei Miroslav Klose zu zeigen. Gemeinsam mit Khalid Abu El Haija und Marc Kornwachs durfte er aus dem Nachwuchsbereich mit ins Trainingslager nach Südtirol reisen.
Heß hinterließ Eindruck und blieb bei den Profis. Klose schätzte seine Einsatzfreude, Intensität und Laufbereitschaft sowie die Möglichkeit, ihn auf beiden Außenverteidigerpositionen einzusetzen. Zugleich gab der Trainer seinem jungen Verteidiger einen konkreten Arbeitsauftrag mit: Im Spielaufbau müsse Heß bessere Entscheidungen treffen.
Für den 20-Jährigen bedeutete die Vorbereitung erstmals über einen längeren Zeitraum tägliches Training mit einer Zweitligamannschaft. Der Trainer, der ihm dort Anweisungen gab, war einer der erfolgreichsten deutschen Nationalspieler. Heß erzählte später, dass bereits die erste Begegnung mit Klose Eindruck bei ihm hinterlassen habe. Inzwischen gehört die Zusammenarbeit mit dem Weltmeister von 2014 zu seinem Trainingsalltag. Bis am 9. August ein Traum für ihn und seine ganze Familie wahr wurde.
Die 66. Minute gegen Dynamo Dresden
Der 1. FC Nürnberg führte zum Saisonauftakt gegen Dynamo Dresden mit 2:0, als Miroslav Klose in der 66. Minute wechselte. Eric Porstner verließ den Platz, Tobias Heß kam für ihn. Vor 41.622 Zuschauern im Max-Morlock-Stadion feierte der 20-Jährige sein Profidebüt.
Auf der Tribüne saßen seine Eltern Martina und Stefan Heß. Über Jahre hatten sie ihren Sohn auf seinem Weg durch den Nachwuchs begleitet und unzählige Fahrten nach Nürnberg übernommen. Nun sahen sie ihn zum ersten Mal in einem Zweitligaspiel des Clubs und hatten Freudentränen in den Augen. Auf dem Rasen ging Heß mit der Situation wesentlich nüchterner um. Besonders aufgeregt sei er nicht gewesen, erzählte er später der „Mittelbayerischen Zeitung“. Er habe sich vor allem darauf gefreut, vor den eigenen Fans spielen zu dürfen.
25 Minuten blieb er auf dem Platz. Mohamed Ali Zoma erzielte in der 75. Minute noch das 3:0 und machte mit seinem dritten Treffer des Tages den Nürnberger Auftaktsieg endgültig perfekt.
Auch den Unterschied zwischen Regionalliga und 2. Bundesliga beschrieb Heß anschließend ohne große Worte. Das Tempo sei höher, die Spieler seien schneller.
„Aber es ist immer noch Fußball.“
Wenige Wochen später stand Heß erneut auf dem Platz. Beim 2:1 gegen Hannover 96 am 11. September kam er in der 90. Minute für Zoma. Dazu hatte er im August bereits 43 Minuten im DFB-Pokal bei Viktoria Köln gespielt. Drei Pflichtspiele für die Profimannschaft stehen damit bislang in seiner Bilanz.
Nach dem Training wartet Pilsach
Seinen Lebensmittelpunkt hat Heß trotz der Entwicklung beim Club nicht verlegt. Er wohnt weiterhin im Elternhaus in Anzenhofen. Seine Freundin und viele seiner Freunde leben in der Gegend. Die Ruhe und das ländliche Leben gehören für ihn zur Heimat.
Dort befindet sich auch sein zweiter Arbeitsplatz. Als Heß 16 Jahre alt war, schlug sein Vater ihm ein Praktikum als Hausmeister an der Grundschule in Pilsach vor. Tobias bewarb sich, absolvierte das Praktikum und blieb anschließend als Minijobber. Vier Jahre später arbeitet er noch immer dort.
Zu seinen Aufgaben gehört, Müll aufzuräumen, zu kehren und Dinge zusammenzuschrauben oder zu reparieren, die im Schulalltag anfallen. Besonders gern übernimmt er die Pausenaufsicht. Wenn sich dabei die Gelegenheit ergibt, spielt der Außenverteidiger des 1. FC Nürnberg mit den Kindern Fußball.
Der dicke Schulschlüsselbund, den Heß bei seiner Arbeit trägt, begleitet ihn damit schon länger als der Platz im Profikader. Als er an der Schule anfing, spielte er noch im Nachwuchs des FCN. Inzwischen hat er Regionalligameisterschaft, Trainingslager mit den Profis, DFB-Pokal und seine ersten Zweitligaspiele erlebt.
Auch sein Vater hat in dieser Zeit einen neuen Weg eingeschlagen. Stefan Heß war zunächst dritter und später zweiter Bürgermeister von Pilsach. Seit Mai 2026 ist er Erster Bürgermeister der Gemeinde. Bei der Kommunalwahl hatte er 85,2 Prozent der Stimmen erhalten. Damit ist der ehemalige Bayernliga-Stürmer heute Bürgermeister des Ortes, in dem sein Sohn weiterhin an der Grundschule arbeitet.
Fußball verbindet beide seit Jahrzehnten. Stefan Heß hatte bereits eine Dauerkarte für den Club, als Nürnberg selbst in der Regionalliga spielte. Viele Jahre später sah er seinen Sohn im Max-Morlock-Stadion im Trikot des FCN in der 2. Bundesliga auflaufen.
Der schwierige Schritt vom Talent zum Profi
Das Debüt gegen Dresden hat für Tobias Heß eine Tür geöffnet. Einen festen Platz in der Mannschaft garantiert es ihm nicht. Nach seinen Einsätzen gegen Dresden und Hannover spielte er wieder für die U23, für die er in der laufenden Regionalliga-Saison bislang dreimal zum Einsatz kam. Gleichzeitig trainiert er weiterhin regelmäßig mit den Profis.
Zudem ist auf der linken Abwehrseite die Konkurrenz groß. Eric Porstner, selbst erst 19 Jahre alt, hat sich in den vergangenen Wochen in der Mannschaft festgespielt. Für Heß bedeutet das, dass die nächsten Zweitligaminuten von seiner Entwicklung im Training, seinen Leistungen in der U23 und den Entscheidungen von Miroslav Klose abhängen.
Sein Vertrag beim 1. FC Nürnberg läuft bis zum Ende dieser Saison. Meldungen über Interesse anderer Zweitligisten gibt es bereits, bestätigt sind sie bislang nicht. Heß selbst hat seine Priorität klar formuliert.
„Der Club ist mein Verein. Ich werde hier alles geben.“
Für einen Spieler, der seit seinem 14. Lebensjahr das Nürnberger Trikot trägt, ist dieser Satz mehr als eine übliche Aussage über den aktuellen Arbeitgeber. Sechs Jahre liegen zwischen seinem Wechsel ins Nachwuchsleistungszentrum und dem Moment, in dem Klose ihn gegen Dresden an die Seitenlinie rief.
Zwei Orte, ein Alltag
Die nächsten Monate werden zeigen, wie häufig Heß diesen Weg aus dem Nachwuchs in die Zweitligamannschaft gehen kann. Sein Profidebüt hat er hinter sich, der dauerhafte Platz im Kader ist noch zu erarbeiten. Genau darin unterscheidet sich sein Alltag von dem Bild, das der Begriff Fußballprofi häufig vermittelt.
In Pilsach hat sich währenddessen wenig verändert. Dort lebt Heß weiterhin bei seiner Familie, trifft seine Freunde und arbeitet an der Grundschule. Wenn er Pausenaufsicht hat und ein Ball über den Schulhof rollt, steht dort einer der wenigen Menschen, die den Kindern aus eigener Erfahrung erzählen könnten, wie es sich anfühlt, vor mehr als 40.000 Zuschauern in der 2. Bundesliga gespielt zu haben.
Zwischen diesem Schulhof und dem Valznerweiher liegen rund 30 Kilometer. Tobias Heß fährt diese Strecke regelmäßig. An einem Ende wartet der Schlüsselbund, am anderen der Profifußball. Wir wünschen ihm alles Gute auf seinem Weg.