Viel Ballbesitz, wenig Ertrag: Warum Holstein Kiel noch auf den ersten Sieg wartet

Holstein Kiel hatte gegen den VfL Osnabrück 59 Prozent Ballbesitz, ging kurz vor der Pause in Führung und kam nach dem Seitenwechsel gleich mehrfach gefährlich vor das gegnerische Tor. Als Schiedsrichter Tom Bauer nach 72 Minuten Hiroki Sekine mit Gelb-Rot vom Platz schickte, war aus einer Partie, die Kiel lange kontrolliert hatte, wieder ein offenes Spiel geworden. Drei Minuten später traf David Zec zum 1:1.
Es war das vierte Unentschieden der Kieler in sechs Saisonspielen. Dazu kommen zwei Niederlagen. Die Mannschaft von Tim Walter geht damit ohne einen einzigen Sieg in die fast dreiwöchige Länderspielpause.
Der Tabellenstand ist unangenehm. Interessanter ist, wie er entstanden ist.
Denn Holstein spielt bislang keineswegs wie eine Mannschaft, die regelmäßig vom Gegner beherrscht wird. Kiel hat im Schnitt rund 55 Prozent Ballbesitz und gehört damit zur Ligaspitze. 83 Torschüsse nach sechs Partien ergeben knapp 14 Abschlüsse pro Spiel. Die Passquote liegt bei 84,7 Prozent. Aus diesen 83 Abschlüssen sind allerdings sieben Tore geworden.
Das erklärt noch nicht alles. Es beschreibt das Kieler Problem aber besser als die vier Punkte in der Tabelle.
Kontrolle bringt Kiel regelmäßig ins Spiel
Schon der Saisonauftakt in Darmstadt zeigte beide Seiten dieses Starts. Guillermo Balzi brachte Kiel nach acht Minuten in Führung, Phil Harres erhöhte noch vor der Pause auf 2:0. Darmstadt kam in der Schlussphase zurück. Nach 76 Minuten fiel das 1:2, zehn Minuten später der Ausgleich.
Eine Woche später verlief das Spiel gegen St. Pauli beinahe spiegelverkehrt. Diesmal lag Kiel zur Pause 0:2 zurück und arbeitete sich durch Harres und Jonas Therkelsen noch zu einem 2:2. Die Störche zeigten dabei, dass sie einen Gegner über längere Phasen unter Druck setzen können.
Auch die erste Niederlage in Magdeburg passt in dieses Bild. Kiel hatte in der ersten Hälfte mehr vom Spiel, kam zu Möglichkeiten und bekam zunächst sogar einen Elfmeter zugesprochen, der nach Videoprüfung zurückgenommen wurde. Magdeburg überstand diese Phase und entschied die Partie später mit zwei Toren.
Nach sechs Wochen lässt sich deshalb schwer behaupten, Kiel fehle grundsätzlich die Fähigkeit, Spiele zu gestalten. Die Mannschaft kommt in Ballbesitz, sie kommt zu Abschlüssen und sie hat gegen Nürnberg gezeigt, dass dieses Spiel auch gegen einen der bislang stärksten Gegner der Liga funktioniert. Beim 2:2 gegen den FCN verdienten sich beide Mannschaften ihren Punkt.
Was fehlt, ist die Konsequenz, mit der aus diesen Phasen Ergebnisse entstehen.
83 Abschlüsse ergeben bislang sieben Tore
Die Relation ist auffällig. Kiel hat nach den offiziellen Ligadaten 83-mal abgeschlossen und sieben Treffer erzielt. Damit landet nicht einmal jeder zwölfte Abschluss im Tor.
Eine solche Zahl allein beweist keine strukturelle Abschlussschwäche. Dafür müssten unter anderem Position und Qualität der Chancen über mehrere Spiele genauer untersucht werden. Sie passt aber zu dem Eindruck, den mehrere Kieler Partien hinterlassen haben: Spielkontrolle führt nicht zuverlässig zu einem Vorsprung, und ein Vorsprung führt bislang ebenso wenig zuverlässig zu drei Punkten.
In Magdeburg blieb Kiel trotz guter Phasen ohne Tor. In Heidenheim gab es früh Möglichkeiten durch Harres und Ikem Ugoh, ehe das Spiel lange ohne Treffer blieb. Gegen Osnabrück hatte Kiel vor der Pause viel vom Ball, fand gegen den tief stehenden Aufsteiger zunächst aber nur schwer klare Räume.
Ballbesitz ist in diesen Spielen deshalb weder Ausrede noch Problem. Er ist das Werkzeug, mit dem Tim Walters Mannschaft ihre Partien kontrollieren möchte. Entscheidend ist, was am Ende einer längeren Passfolge passiert.
Bislang passiert dort zu wenig.
Zwei Platzverweise haben enge Spiele zusätzlich erschwert
Zum sportlichen Muster kommt ein Faktor, den Kiel sehr viel unmittelbarer beeinflussen kann.
In Heidenheim sah Jonas Therkelsen fünf Minuten nach Wiederbeginn Gelb-Rot. Kiel hielt das 0:0 danach lange, kassierte in der 83. Minute aber doch den entscheidenden Treffer durch Jonas Föhrenbach.
Gegen Osnabrück wiederholte sich die Situation. Sekine musste nach 72 Minuten vom Platz, drei Minuten später fiel der Ausgleich. Osnabrück war in Überzahl anschließend die gefährlichere Mannschaft und ließ Möglichkeiten auf einen Auswärtssieg liegen.
Zwei Platzverweise in zwei aufeinanderfolgenden Spielen erklären den Saisonstart nicht vollständig. Sie haben Kiel aber in genau jenen Partien geschwächt, in denen die Mannschaft ohnehin darum kämpfte, aus Spielkontrolle einen Ergebnisvorteil zu machen.
Das ist für eine Mannschaft mit vier Unentschieden besonders teuer. Bei engen Spielen können wenige Minuten in Unterzahl den Unterschied zwischen einem kontrollierten Nachmittag und dem nächsten liegen gelassenen Sieg ausmachen.
Die vier Remis sind auch ein Argument für Kiel
Bei einer sieglosen Mannschaft liegt der Blick schnell auf allem, was nicht funktioniert. Kiels vier Unentschieden enthalten allerdings auch eine andere Information.
St. Pauli führte im Holstein-Stadion mit 2:0. Kiel kam zurück. Nürnberg reiste am vierten Spieltag ohne Punktverlust an die Förde und musste sich mit einem 2:2 begnügen. In Heidenheim blieb Kiel trotz Unterzahl bis in die Schlussphase im Spiel.
Das ist kein Profil einer Mannschaft, die sportlich bereits auseinanderfällt.
Es ist eher das Profil einer Mannschaft, bei der Aufwand und Ertrag noch deutlich auseinanderliegen. Tim Walters Fußball verschafft Kiel viel Ballbesitz und genügend Situationen rund um den gegnerischen Strafraum. Die Tabelle zeigt, dass daraus bislang zu selten der entscheidende Vorteil entsteht.
Genau darin liegt auch die Chance dieser Länderspielpause. Kiel muss sein Spiel nicht komplett neu erfinden. Die Mannschaft muss aus ihrem vorhandenen Spiel mehr machen und gleichzeitig vermeiden, sich enge Partien durch vermeidbare Unterzahlsituationen zusätzlich zu erschweren.
In Braunschweig zählt irgendwann auch der Sieg
Nach der Pause geht es für Holstein Kiel am 9. Oktober zu Eintracht Braunschweig. Der Gegner steht ebenfalls im unteren Teil der Tabelle. Danach wartet mit Hertha BSC die bislang perfekte Mannschaft der Liga.
Spätestens dadurch bekommt das Spiel in Braunschweig besonderes Gewicht.
Kiel hat in sechs Partien ausreichend gezeigt, warum die Mannschaft Gegner beschäftigen kann. Vier Punkte zeigen ebenso deutlich, weshalb das allein nicht reicht.
Die ersten Wochen liefern deshalb eine ziemlich konkrete Aufgabe für Tim Walter und seine Mannschaft: Aus Kontrolle müssen häufiger Tore werden, aus Führungen häufiger Siege. Gelingt das, kann sich die Tabelle schnell freundlicher lesen. Bleibt die Diskrepanz bestehen, wird aus einem kuriosen Saisonstart irgendwann ein handfestes Problem.