Die 80. Minute, die eine Karriere verändert: Mohamed Alì Zoma ist jetzt italienischer Nationalspieler

Mohamed Alì Zoma kam vor gut einem Jahr aus der dritten italienischen Liga zum 1. FC Nürnberg. Am Freitagabend stand der 22-Jährige im Stadio Olimpico und trug das Trikot der italienischen Nationalmannschaft. Sein Debüt gegen Belgien dauerte nur wenige Minuten. Die Geschichte dahinter erzählt viel über Zomas rasanten Aufstieg – und darüber, welchen Stellenwert die 2. Bundesliga inzwischen haben kann.
Als Roberto Mancini in der 80. Minute noch einmal wechselte, war der Fußballabend für Italien eigentlich schon gelaufen. Belgien führte im Stadio Olimpico mit 2:0. Mika Godts hatte die Gäste nach 20 Minuten in Führung gebracht, Dodi Lukébakio in der 69. Minute erhöht. Italien suchte nach einer Antwort und fand keine.
Mancini brachte Mohamed Alì Zoma und Issa Doumbia, Cambiaghi und Barella verließen den Platz. Für den Nürnberger Angreifer begann damit sein erstes Spiel für die italienische A-Nationalmannschaft.
Es waren nur die Schlussminuten einer Partie, die Italien am Ende 0:2 verlor. Zu wenig Zeit für eine seriöse sportliche Bewertung. Sky Italia führte Zoma folgerichtig mit „s.v.“ – senza voto, ohne Bewertung. Er erzielte kein Tor, bereitete keines vor und konnte einem Spiel, das längst in Richtung Belgien gekippt war, keine entscheidende Wendung mehr geben.
Für seine Karriere waren diese Minuten trotzdem größer als das Spiel.
Mohamed Alì Zoma ist seit Freitagabend italienischer A-Nationalspieler.
Vom Zweitligastürmer zum Azzurro
Dass diese Geschichte ausgerechnet in Nürnberg ihren vorläufigen Höhepunkt findet, war vor etwas mehr als einem Jahr kaum vorherzusehen.
Zoma wurde am 15. Dezember 2003 im norditalienischen Merate geboren. Sein Vater stammte aus Burkina Faso, seine Mutter hat ivorische Wurzeln. Zoma besitzt neben der italienischen auch die ivorische Staatsangehörigkeit. Fußballerisch wuchs er in Italien auf.
Sein Verein wurde AlbinoLeffe.
Dort durchlief er nahezu die komplette Ausbildung. Zunächst spielte Zoma auf der linken Seite im Mittelfeld. Giuseppe Biava, früher selbst Serie-A-Profi bei Palermo, Genoa, Lazio und Atalanta, erkannte andere Möglichkeiten in seinem Spiel. Tempo, Dribbling, Tiefenläufe und die Fähigkeit, Gegenspieler im direkten Duell zu überwinden, ließen sich weiter vorne besser nutzen.
Zoma rückte in den Angriff.
Sein Profidebüt lieferte bereits einen Hinweis darauf, was später noch kommen sollte. Am 14. November 2021 wurde er in der Serie C gegen Lecco eingewechselt. AlbinoLeffe lag 1:2 zurück. Zoma traf in der 85. und 93. Minute und drehte die Partie zum 3:2.
Nach vier Profijahren bei AlbinoLeffe, gekrönt von seiner stärksten Saison 2024/25, war er bereit für den nächsten Schritt.
Der führte nach Nürnberg.
Ein Transfer, der seine Dimension verändert hat
Im August 2025 verpflichtete der 1. FC Nürnberg den damals 21-Jährigen. Für Zoma bedeutete das den Wechsel aus Italiens dritthöchster Spielklasse in die 2. Bundesliga und damit in ein neues sportliches und mediales Umfeld.
Der Sprung aus der Serie C in die 2. Bundesliga verlief zunächst nicht ohne Reibung. Zoma blieb in den ersten Wochen ohne Tor und traf erst am neunten Spieltag erstmals. Danach entwickelte er sich unter Miroslav Klose zum gefährlichsten Nürnberger Angreifer.
Zoma erzielte in seiner ersten Zweitligasaison 14 Tore.
Seine Entwicklung setzte sich in dieser Saison fort. Nach fünf Spieltagen standen bereits fünf Treffer zu Buche. Gegen Dynamo Dresden gelang ihm zum Saisonauftakt ein Hattrick.
Dann kam der Anruf aus Italien.
Roberto Mancini hatte nach seiner Rückkehr als Nationaltrainer einen großen Kader für die ersten vier Spiele der Nations League zusammengestellt. 34 Spieler, darunter neun Neulinge. Einer davon spielte beim 1. FC Nürnberg.
Für Zoma war die Nachricht entsprechend emotional. Der Club feierte die Berufung im Trainingslager mit einer Torte und „Notti magiche“, jenem Lied, das in Italien untrennbar mit dem WM-Sommer 1990 verbunden ist.
Miroslav Klose erzählte später, wie bei seinem Angreifer die Augen zu leuchten begonnen hätten. Zoma selbst sprach von einem Kindheitstraum.
Dann traf er einfach weiter.
Erst die Einladung, dann das nächste Tor
Am Tag nach Bekanntgabe des italienischen Kaders spielte Nürnberg beim Karlsruher SC.
In der 30. Minute erzielte Zoma das 1:0. Es blieb das einzige Tor des Spiels.
Sechs Spiele, sechs Tore.
Wer wissen wollte, weshalb ein italienischer Nationaltrainer einen Angreifer aus der deutschen zweiten Liga nach Coverciano eingeladen hatte, bekam die Antwort auf dem Platz. Zoma hatte sich mit seinen Leistungen in Mancinis Blickfeld gespielt.
Der italienische Nationaltrainer erklärte vor Beginn des Lehrgangs, dass er die vielen jungen Spieler seines neuen Kaders im täglichen Training kennenlernen und herausfinden wolle, wer langfristig Teil seiner Mannschaft sein kann.
Zoma bekam seine Gelegenheit bereits im ersten Spiel.
Ein schwieriger Abend für das erste Länderspiel
Italien gegen Belgien war dafür allerdings keine dankbare Bühne.
Mancini begann mit einem 4-3-3. Zoma saß zunächst auf der Bank. Cambiaghi, Pio Esposito und Moise Kean bildeten die offensive Reihe.
Belgien war in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft. Godts erzielte nach 20 Minuten das 1:0. Italien fand offensiv kaum Lösungen, Torhüter Gianluigi Donnarumma verhinderte einen höheren Rückstand.
Nach der Pause steigerten sich die Gastgeber. Italien erspielte sich Möglichkeiten, doch der Ausgleich fiel nicht. Stattdessen traf Lukébakio in der 69. Minute zum 2:0.
Elf Minuten später kam Zoma.
Gemeinsam mit Issa Doumbia wurde er eingewechselt. Für beide war es das Debüt in der italienischen A-Nationalmannschaft. Zoma rückte in die Offensive, Doumbia ins Mittelfeld.
Eine spektakuläre Szene gelang dem Nürnberger nicht mehr. Italien hatte in der Schlussphase noch Möglichkeiten, unter anderem durch Giorgio Scalvini, konnte die Niederlage aber nicht verhindern.
In den Bewertungen von Sky Italia stand hinter Zomas Namen deshalb nur „s.v.“: senza voto, ohne Bewertung.
Das ist vermutlich die angemessenste Beurteilung seines ersten Länderspiels. Über die Qualität eines Fußballers erzählen diese wenigen Minuten wenig. Über seinen bisherigen Weg erzählen sie eine ganze Menge.
Ein ungewöhnlicher italienischer Nationalspieler
Zomas Karriere unterscheidet sich erheblich von der klassischen Laufbahn eines italienischen Nationalspielers.
Er durchlief keine italienische Nachwuchsnationalmannschaft. Seine Ausbildung fand bei AlbinoLeffe statt. Seine ersten Profijahre verbrachte er in der Serie C. Den entscheidenden Schritt Richtung Nationalmannschaft machte er anschließend in der 2. Bundesliga.
Sky Italia bezeichnete ihn nach seiner Nominierung als den „Italiener, den Klose gefunden hat“.
Dabei ist die Geschichte komplizierter und interessanter als dieses Etikett. Klose hat Zoma nicht entdeckt. AlbinoLeffe hat ihn über viele Jahre ausgebildet und entwickelt. Nürnberg erkannte anschließend das Potenzial eines Spielers, dessen Fähigkeiten über das Niveau der Serie C hinausreichten. Klose und sein Trainerteam fanden schließlich eine Rolle, in der Zoma diese Fähigkeiten regelmäßig auf höherem Niveau zeigen konnte.
Aus diesen Stationen entstand der Spieler, den Mancini jetzt nach Coverciano holte.
Und plötzlich schaut Italien nach Nürnberg
Der außergewöhnlichste Teil der Geschichte betrifft deshalb vielleicht gar nicht Zoma allein.
Seine Berufung war eine Premiere. Nach Angaben des 1. FC Nürnberg war zuvor noch nie ein Spieler des Clubs für die italienische A-Nationalmannschaft nominiert worden. Auch kein Spieler aus der 2. Bundesliga hatte diesen Sprung zuvor geschafft. Ein historisches Gegenbeispiel ist nicht dokumentiert.
Mit seiner Nominierung und dem anschließenden Debüt hat Zoma damit gleich zwei Premieren geschaffen: Er wurde als erster Spieler eines deutschen Zweitligisten für Italiens A-Nationalmannschaft nominiert und anschließend auch eingesetzt.
Das verändert nicht den Status einer ganzen Liga. Die Serie A wird ihre Nationalspieler auch künftig in einer völlig anderen Größenordnung stellen. Internationale Spitzenclubs werden im Normalfall näher am Blickfeld eines italienischen Nationaltrainers liegen als Mannschaften aus Deutschlands zweiter Spielklasse.
Zomas Beispiel zeigt allerdings, wie durchlässig diese Hierarchie werden kann, wenn ein Spieler dauerhaft auffällt.
Die 2. Bundesliga war für ihn auf dem Weg in die Nationalmannschaft kein Hindernis. Sie war die Bühne, auf der er sich dafür empfohlen hat.
Auch für Nürnberg ist dieses Debüt wertvoll
Beim FCN dürfte man Zomas Auftritt mit Freude und einem gewissen Stolz verfolgt haben.
Sportvorstand Joti Chatzialexiou hatte nach der Nominierung darauf hingewiesen, dass Zomas Berufung zeige, wie sich ein Spieler auch aus der 2. Bundesliga für eine große Nationalmannschaft empfehlen könne.
Für Nürnbergs sportliche Strategie ist das eine wertvolle Botschaft. Junge Spieler müssen den Club nicht zwingend verlassen, sobald internationale Aufmerksamkeit entsteht. Zumindest im Fall Zoma hat der Verbleib in Nürnberg seiner Karriere bislang nicht geschadet.
Noch Anfang September war seine Zukunft ein großes Thema gewesen. Chatzialexiou verkündete schließlich, dass der Angreifer beim FCN bleiben werde. Zoma selbst sprach anschließend davon, Verantwortung übernehmen zu wollen.
Wenige Wochen später läuft er für Italien auf.
Für einen Verein, der Spieler entwickeln, sportlich erfolgreich sein und irgendwann auch wirtschaftlich von dieser Entwicklung profitieren möchte, ist das eine starke Referenz.
Die Geschichte ist noch nicht vorbei
Italien bestreitet in dieser Länderspielphase vier Nations-League-Partien innerhalb von elf Tagen. Nach Belgien folgen die Türkei, Frankreich und erneut die Türkei. Mancini hat einen ungewöhnlich großen Kader zusammengestellt und wird in dieser engen Folge voraussichtlich rotieren.
Zoma könnte also schon in den kommenden Tagen seine nächste Gelegenheit bekommen.
Erst danach lässt sich genauer beurteilen, welche Rolle Mancini tatsächlich für ihn vorgesehen hat. Als klassischer Mittelstürmer trifft Zoma im italienischen Kader auf erhebliche Konkurrenz. Seine Vielseitigkeit könnte ihm helfen. Er kann über außen kommen, als zweite Spitze spielen, Räume attackieren und mit seinem Tempo Situationen herstellen.
Dass Mancini ihn überhaupt sehen wollte, war bereits ein Signal. Dass er ihn im ersten Spiel eingesetzt hat, ist ein stärkeres.
Von AlbinoLeffe ins Olimpico
Vor knapp fünf Jahren spielte Mohamed Alì Zoma sein erstes Profispiel in der Serie C.
Vor gut einem Jahr wechselte er zum 1. FC Nürnberg.
In seiner ersten Saison erzielte er 14 Zweitligatore. In dieser Saison traf er in seinen ersten sechs Spielen sechsmal.
Am 18. September 2026 nominierte ihn Roberto Mancini erstmals für Italien. Am 25. September stand er im Stadio Olimpico.
Der Abend endete mit einer italienischen Niederlage. Zoma wird sich an ihn vermutlich trotzdem sehr lange erinnern.
Als in der 80. Minute sein Debüt begann, war für Italien gegen Belgien kaum noch etwas zu gewinnen. Für Mohamed Alì Zoma begann in diesem Moment trotzdem etwas Neues.
Der Stürmer des 1. FC Nürnberg ist jetzt italienischer Nationalspieler.