Ein Jahr nach dem Mittelfußbruch ersetzt Żukowski Lewandowski

Mateusz Żukowski kam verletzt nach Magdeburg und hatte in seiner Karriere häufiger auf dem Flügel und als Rechtsverteidiger gespielt als im Sturmzentrum. Dann erzielte er 17 Zweitligatore. Am Montagabend stand er für Polen gegen Schweden dort, wo seit anderthalb Jahrzehnten fast selbstverständlich Robert Lewandowski steht. Die erstaunliche Geschichte einer Karriere, die ihre Position erst spät gefunden hat.
Als Polens Mannschaft am Montagabend in Solna auf den Rasen kommt, sitzt Robert Lewandowski auf der Bank. Der 38-Jährige ist Rekordtorschütze seines Landes und seit vielen Jahren der Fixpunkt der polnischen Offensive. Drei Tage zuvor hatte er beim 0:0 gegen Bosnien und Herzegowina noch begonnen. Gegen Schweden entscheidet sich Nationaltrainer Jan Urban für einen anderen Mittelstürmer: Mateusz Żukowski vom 1. FC Magdeburg.
Wer nur diesen einen Abend betrachtet, könnte darin die übliche Geschichte eines Nationaltrainers erkennen, der einem formstarken Angreifer eine Gelegenheit gibt. Żukowskis Weg in diese Startelf macht die Sache erheblich interessanter. Etwas mehr als ein Jahr zuvor hatte der traditionsreiche 1. FC Magdeburg einen verletzten Spieler verpflichtet, den der Verein selbst als Außenstürmer vorstellte. Dass dieser Spieler im September 2026 einmal im Sturmzentrum der polnischen Nationalmannschaft beginnen würde, während Lewandowski auf der Bank sitzt, war damals kaum absehbar.
Magdeburg holt einen Spieler, der zunächst gar nicht spielen kann
Am 2. September 2025 vermeldet der FCM die Verpflichtung von Żukowski von Śląsk Wrocław. Der Pole ist 23 Jahre alt und hat in seiner letzten Saison in der Ekstraklasa in 31 Spielen zwei Tore erzielt und fünf weitere vorbereitet. Zahlen, die noch wenig darauf hindeuten, dass Magdeburg gerade einen der kommenden Torjäger der 2. Bundesliga verpflichtet hat.
Sportgeschäftsführer Otmar Schork bezeichnet den Transfer damals ausdrücklich als Investition in die Zukunft. Magdeburg habe Żukowski schon länger beobachtet, ein Mittelfußbruch habe allerdings dazu geführt, dass der Verein zunächst den Heilungsverlauf abwarten musste. Der Neuzugang setzt seine Rehabilitation in Magdeburg fort und muss sich gedulden. Sein erstes Pflichtspiel für den FCM bestreitet er erst Ende November.
Was anschließend passiert, verändert die Wahrnehmung des Spielers innerhalb weniger Monate. Żukowski findet regelmäßig den Weg zum Tor und beendet seine erste Magdeburger Saison mit 17 Treffern in 21 Zweitligaspielen sowie drei Vorlagen. Nur Fürths Noel Futkeu erzielt mehr Tore. Die Magdeburger Fans wählen Żukowski schließlich mit 67 Prozent der Stimmen im Finale gegen Baris Atik zum Spieler der Saison.
Die bemerkenswerteste Zahl dieser Spielzeit sind trotzdem nicht zwingend die 17 Tore. Mindestens ebenso interessant ist, von welcher Position aus Żukowski sie erzielt.
Ein Stürmer, der lange keiner war
Żukowskis Karriere lässt sich kaum mit einer einzigen Positionsbezeichnung erzählen. Bei Lechia Gdańsk wurde er im Profibereich unter anderem auf der rechten Seite eingesetzt. Später folgten die Glasgow Rangers, eine Leihe zu Lech Poznań und schließlich Śląsk Wrocław. Als Magdeburg ihn verpflichtete, bezeichnete der FCM ihn offiziell als Außenstürmer. Trainer Markus Fiedler hob damals seine Technik und seinen direkten Weg zum Tor hervor.
Offensives Potenzial hatte Żukowski allerdings schon deutlich früher gezeigt. In den Nachwuchs- und Reserveteams von Lechia tauchte er ebenfalls als Angreifer auf. Seine weitere Karriere führte ihn anschließend über unterschiedliche Rollen auf der Außenbahn, in der Abwehr und in der Offensive. Die einfache Erzählung vom umgeschulten Rechtsverteidiger würde seiner Entwicklung deshalb nicht gerecht.
In Magdeburg bekommt diese Vielseitigkeit schließlich eine klare Richtung. Żukowski spielt im Zentrum, seine Fähigkeiten passen plötzlich zusammen: Tempo, Körperlichkeit, der Zug zum Tor und die Erfahrung aus verschiedenen offensiven Rollen. Aus einem Spieler, dessen optimale Position lange schwer zu bestimmen war, wird innerhalb weniger Monate einer der erfolgreichsten Mittelstürmer der 2. Bundesliga.
Diese Entwicklung bleibt auch in Polen nicht unbemerkt. Ende Mai 2026 beruft Nationaltrainer Jan Urban den Magdeburger erstmals in die A-Nationalmannschaft. Urban beschäftigt sich zu diesem Zeitpunkt längst mit einer Frage, die den polnischen Fußball seit Jahren begleitet: Wie kann eine Offensive aussehen, wenn Robert Lewandowski irgendwann nicht mehr ihr selbstverständlicher Mittelpunkt ist?
Der erste Wechsel liefert bereits ein starkes Bild
Am 31. Mai kommt Żukowski gegen die Ukraine zu seinem Länderspieldebüt. Zur Halbzeit nimmt Urban Robert Lewandowski vom Platz und bringt den Magdeburger. Żukowski spielt die zweiten 45 Minuten bei der 0:2-Niederlage und widmet sein Debüt anschließend Jacek Magiera, seinem früheren Trainer bei Śląsk Wrocław, den er als eine Art fußballerischen Vater beschreibt.
Vier Monate später gehört Żukowski erneut zum polnischen Aufgebot. Gegen Bosnien und Herzegowina am 25. September sind die Rollen zunächst noch eindeutig verteilt. Lewandowski beginnt, Żukowski ersetzt ihn in der 87. Minute, Polen kommt über ein 0:0 nicht hinaus.
Drei Tage später verändert Urban diese Hierarchie zumindest für einen Abend. In der Strawberry Arena von Solna beginnt Żukowski gegen Schweden im Sturmzentrum. Lewandowski sitzt zunächst auf der Bank.
Die Entscheidung sorgt in Polen schon vor dem Anpfiff für Aufmerksamkeit. Lewandowski beginnt ein Länderspiel nur selten als Ersatzspieler. Urban erklärt vor der Partie, der 38-Jährige sehe von Tag zu Tag besser aus und man habe die Entscheidung gemeinsam getroffen. Für Żukowski öffnet sich damit die bislang größte Bühne seiner Karriere.
Gegen Schweden fehlt ausgerechnet das Tor
Polen verliert die Partie mit 1:3. Żukowski erzielt keinen Treffer und bereitet auch keinen direkt vor. Wer seinen Auftritt allein daran misst, übersieht allerdings einen interessanten Teil seiner Leistung.
Laut Opta kreiert Żukowski gegen Schweden fünf Torchancen. Seit Einführung der Nations League hatte kein polnischer Spieler in einer Partie mehr geschafft. Robert Lewandowski war 2022 gegen Belgien ebenfalls auf fünf gekommen. Für einen Angreifer, der gerade sein erstes Länderspiel von Beginn an bestreitet, ist das eine bemerkenswerte Zahl.
Sie passt zum Eindruck dieses Abends. Żukowski arbeitet mit dem Rücken zum Tor, lässt Bälle für nachrückende Mitspieler abtropfen und versucht, Räume rund um den Strafraum zu öffnen. Der polnische „Przegląd Sportowy“ bewertet seinen Auftritt besser als Lewandowskis Leistung drei Tage zuvor gegen Bosnien, verweist aber zugleich auf das, was einem Mittelstürmer am Ende fehlt: das Tor.
Żukowski selbst versucht nach der Niederlage nicht, aus seiner persönlichen Situation eine größere Geschichte zu machen. Gegenüber TVP Sport beschäftigt ihn vor allem die zweite Halbzeit, in der Polen die Partie aus der Hand gibt. Auch das passt zu einem Abend, der für seine Karriere außergewöhnlich ist, sportlich für seine Mannschaft aber enttäuschend endet.
Vier Tore reichen, um wiederzukommen
Aus Żukowskis Startelfeinsatz eine Wachablösung im polnischen Sturm abzuleiten, wäre verfrüht. Lewandowski bleibt Kapitän, Rekordtorschütze und eine der prägenden Figuren dieser Nationalmannschaft. Urban hat allerdings selbst deutlich gemacht, wie schwierig die Suche nach polnischen Mittelstürmern auf internationalem Niveau geworden ist. Żukowski gehört inzwischen zu den Spielern, die bei dieser Suche ernsthaft betrachtet werden.
Seine Argumente dafür liefert er weiterhin in Magdeburg. Nach den 17 Ligatoren der vergangenen Saison startet er mit vier Pflichtspieltreffern in die neue Spielzeit: einem Tor gegen Eintracht Braunschweig, zwei im DFB-Pokal beim Bahlinger SC und einem weiteren gegen Holstein Kiel.
Diese Zahlen machen aus ihm noch keinen designierten Nachfolger Lewandowskis. Sie erklären jedoch, weshalb Jan Urban dem Magdeburger gegen Schweden das Sturmzentrum anvertraut. Żukowski hat seine Berufung nicht einer kurzfristigen Personalnot zu verdanken. Hinter seiner Entwicklung stehen inzwischen mehr als eine komplette Zweitligasaison, eine außergewöhnliche Torquote und ein Saisonstart, der bestätigt, dass das vorherige Jahr kein kurzer Ausreißer war.