22 Tage ohne Liga – und jeder Zweitligist spielt seine eigene Saison

Sechs Spieltage sind absolviert und die ersten Konturen dieser Zweitligasaison werden sichtbar. Hertha BSC hat alle sechs Spiele gewonnen, der 1. FC Nürnberg noch kein einziges verloren. Heidenheim hat sich nach einem schwierigen Start auf Platz drei vorgearbeitet. Dahinter beginnt bereits das Gedränge, das für diese Liga so typisch ist.
Eigentlich wäre jetzt der Punkt in einer Saison erreicht, an dem sich die ersten Muster verfestigen würden. Mannschaften finden Abläufe, Trainer ihre Stammformationen und aus guten oder schlechten Wochen entstehen langsam Serien. Doch seit dem Wochenende vom 18. bis 20. September wird in der 2. Bundesliga nicht mehr um Punkte gespielt. Der siebte Spieltag startet erst am 9. Oktober. Für den 1. FC Magdeburg beispielsweise liegen zwischen dem 1:1 in Fürth und dem Heimspiel gegen Hannover exakt 22 Tage.
Eine Unterbrechung dieser Größenordnung mitten in der gerade erst begonnenen Saison hat es in dieser Form bislang noch nicht gegeben. Während der Ball ruht und die Tabelle eingefroren ist, haben die 18 Vereine mit ihren sehr unterschiedlichen Vorbereitungen auf die nächste Phase der Saison begonnen.
Warum die Liga plötzlich so lange pausiert
Hinter der ungewöhnlich langen Unterbrechung steckt eine grundlegende Änderung des internationalen Spielkalenders. Bislang gab es im Herbst mehrere kürzere Länderspielfenster. Seit 2026 bündelt die FIFA die Termine im September und Oktober in einem einzigen 16-tägigen Fenster. Vom 21. September bis zum 6. Oktober dürfen Nationalmannschaften bis zu vier Partien bestreiten.
Im deutschen Rahmenterminkalender werden deshalb aus den bislang drei Unterbrechungen der Hinrunde zwei. Die nächste folgt vom 9. bis 17. November. Für Nationalspieler soll das vor allem Reisen reduzieren. Für ihre Vereine entsteht dadurch allerdings eine ungewöhnliche Situation: Nach gerade einmal sechs Zweitligaspielen bleiben fast drei Wochen bis zur nächsten Partie. Wie diese Zeit genutzt wird, unterscheidet sich dabei von Club zu Club erheblich.
Darmstadt fliegt nach Texas
Kaum ein Verein nutzt die Möglichkeiten dieser Pause konsequenter als der SV Darmstadt 98. Die Lilien sind vom 25. September bis zum 1. Oktober in San Antonio. Dort stehen Training, Termine im Rahmen der Städte- und Vereinskooperation und ein Freundschaftsspiel gegen den ansässigen San Antonio FC auf dem Programm.
Die Reise zeigt, welche Dimension dieses neue Zeitfenster besitzt. Darmstadt hatte den ursprünglich für März geplanten sportlichen Teil des USA-Besuchs dann direkt in diese Phase verschoben. Der Verein argumentierte bereits im Februar, dass sich Regeneration, Reise und Trainingssteuerung durch die längere Unterbrechung besser miteinander verbinden ließen. Eine Länderspielpause wird damit plötzlich lang genug für eine kleine Clubtour.
Andere Zweitligisten nutzen die zusätzliche Zeit wesentlich klassischer und suchen vor allem Spielpraxis.
Von Zehlendorf bis zum polnischen Meister
Hertha BSC gewann am Dienstagabend vor 3.323 Zuschauern mit 3:1 beim Oberligisten Hertha 03 Zehlendorf. Am Freitag wartet mit dem FC Augsburg ein Bundesligist. Für den Tabellenführer besteht die Herausforderung darin, den Rhythmus einer Mannschaft zu erhalten, die ihre ersten sechs Ligaspiele allesamt gewonnen hat. Gleichzeitig fehlen zahlreiche Spieler. Insgesamt zwölf Herthaner sind während dieser Pause mit Nationalmannschaften unterwegs.
Der 1. FC Heidenheim plant ebenfalls zwei Tests. Gegen den VfB Stuttgart verlor der Bundesliga-Absteiger am vergangenen Freitag mit 0:3, am 2. Oktober kommen die Würzburger Kickers in die Voith-Arena. Holstein Kiel trifft am 3. Oktober in Malente auf den dänischen Erstligisten Viborg FF. Nürnberg testet gegen den FC Ingolstadt, Fürth gegen den VfB Stuttgart, Arminia Bielefeld gegen Rot-Weiss Essen. Dynamo Dresden reist zum tschechischen Erstligisten FK Teplice.
Der VfL Osnabrück treibt das Prinzip besonders weit. Nach einem Test beim Regionalligisten SC Wiedenbrück folgen innerhalb von zwei Tagen zwei weitere Partien: zunächst gegen den Zweitligakonkurrenten VfL Bochum, anschließend gegen den schwedischen Erstligisten Djurgårdens IF.
Energie Cottbus sucht sich derweil einen Gegner, der für ein Testspiel während einer Länderspielpause ungewöhnlich prominent ist. Am 3. Oktober reist der Aufsteiger zu Lech Poznań. Der polnische Meister spielt in dieser Saison in der Europa League. Die Partie findet auf dem Trainingsgelände und ohne Zuschauer sowie Medien statt. Für Cottbus ist das ein Test auf einem Niveau, das im normalen Trainingsbetrieb kaum zu simulieren wäre.
Braunschweig wählt einen anderen Weg
Testspiele sind allerdings nur eine Möglichkeit, mit den ungewöhnlichen Wochen umzugehen. Eintracht Braunschweig entschied sich zunächst für ein anderes Modell. In der ersten Woche nach dem 0:1 in Kaiserslautern gab es bis einschließlich Sonntag kein gemeinsames Mannschaftstraining. Die Spieler arbeiteten nach individuellen Vorgaben des Trainerstabs. Erst anschließend kehrt die Mannschaft gemeinsam auf den Platz zurück, bevor am 2. Oktober bei Eintracht Frankfurt getestet wird.
Auch der Karlsruher SC kombiniert unterschiedliche Phasen. Trainer Maximilian Senft und sein Team nutzen individuelle Trainingspläne, Regeneration und anschließend wieder gemeinsame Arbeit. Für den KSC kommt die Pause zum richtigen Zeitpunkt, um Dinge neu zu justieren. Schließlich stehen lediglich fünf Punkte aus sechs Spielen und vier Ligapartien ohne Sieg im Buch.
Damit bekommt dieselbe Unterbrechung je nach Tabellenlage eine vollkommen andere Bedeutung. Während einige Trainer versuchen, eine funktionierende Mannschaft möglichst wenig aus ihrem Rhythmus zu bringen, erhalten andere plötzlich Trainingszeit, die ihnen während einer normalen Zweitligawoche kaum zur Verfügung steht.
Für Hertha ist die Pause ein Risiko, für andere eine Gelegenheit
Hertha hat bislang 18 Punkte aus sechs Spielen geholt. Nürnberg steht bei 16, Heidenheim bei 13. Für Mannschaften, die gerade regelmäßig gewinnen, kommt eine dreiwöchige Unterbrechung erfahrungsgemäß nicht sonderlich gelegen. Teams, die noch nach ihrer Formation suchen, taktische Abläufe verändern wollen oder auf verletzte Spieler warten, dürften die zusätzlichen Trainingstage dagegen gerne annehmen.
Genau deshalb lässt sich die XXL-Pause kaum pauschal als Vor- oder Nachteil bewerten. Frank Schmidt brachte das nach Heidenheims Test gegen Stuttgart ziemlich treffend auf den Punkt. Auf die Frage, ob die neue Regelung seinem Verein helfe oder schade, antwortete der FCH-Trainer: „Keine Ahnung.“ Vermutlich ist das derzeit die seriöseste und ehrlichste Antwort.
Heidenheim war nach schwierigem Saisonbeginn gerade ins Rollen gekommen. Nach zehn Gegentoren an den ersten drei Spieltagen kassierte der FCH in den folgenden drei Ligapartien nur noch zwei und holte dabei zehn Punkte. Hertha muss eine perfekte Serie konservieren, Nürnberg möchte fünf Siege und ein Unentschieden nicht aus dem Gedächtnis seiner Mannschaft verschwinden lassen. Vereine aus dem unteren Tabellenbereich bekommen dagegen die seltene Gelegenheit, über mehrere Wochen an Problemen zu arbeiten, ohne dass wenige Tage später bereits das nächste Ligaspiel wartet.
Für Hannover bekommt diese zusätzliche Zeit noch einmal eine andere Bedeutung.
Für Sandro Wagner sind 22 Tage beinahe eine kleine Vorbereitungsphase
Hannover 96 hat die Unterbrechung mit einem neuen Cheftrainer begonnen. Sandro Wagner soll die Mannschaft übernehmen, und sein erster Auftritt an der Seitenlinie wird ausgerechnet ein Testspiel sein. Am 3. Oktober empfängt Hannover den Drittligisten SC Verl.
Für einen Trainer, der während einer laufenden Saison übernimmt, ist diese Konstellation außerordentlich komfortabel. Wagner bekommt zwischen zwei Ligaspielen fast so viel Zeit, wie andere Trainer bei einem Wechsel normalerweise erst in einer Winterpause erhalten. Trainingseinheiten können anders aufgebaut, Prinzipien vermittelt und Formationen ausprobiert werden, ohne dass wenige Tage später bereits wieder Punkte verteilt werden.
Wenn Hannover am 10. Oktober in Magdeburg antritt, könnte dort vielleicht schon eine Mannschaft stehen, die sich taktisch bereits erkennbar von jener unterscheidet, die drei Wochen zuvor mit 2:1 gegen Bochum gewann. Damit ist die Unterbrechung weit mehr als eine Länderspielpause. Sie ist die Gelegenheit, mitten im Herbst zumindest Teile einer Saisonvorbereitung nachzuholen.
Die Nationalspieler machen die Bedingungen noch ungleicher
Die Zahl der freien Trainingstage ist dabei ohnehin nur eine Seite der Medaille. Während manche Trainer nahezu mit ihrem gesamten Kader arbeiten können, verlieren andere für große Teile der Unterbrechung zahlreiche Spieler. Hertha stellt zwölf Nationalspieler ab. Beim 1. FC Magdeburg sind mehrere Profis international unterwegs, darunter der inzwischen für Polens A-Nationalmannschaft nominierte Mateusz Żukowski. Kaiserslautern muss unter anderem auf Mario Sauer und Alex Murphy verzichten. Auch beim 1. FC Nürnberg sind mehrere Profis mit ihren Nationalmannschaften unterwegs.
Damit entsteht eine besondere Trainingssituation. Die Vereine bekommen außergewöhnlich viel Zeit, einige Trainer können sie aber gerade mit wichtigen Teilen ihrer Mannschaft kaum nutzen. Für einen Spieler, der mehrere Länderspiele bestreitet und erst kurz vor dem nächsten Ligawochenende zurückkehrt, sehen diese Wochen völlig anders aus als für einen Mannschaftskollegen, der regenerieren, trainieren und ein Testspiel absolvieren kann.
Bis zum siebten Spieltag müssen diese unterschiedlichen Belastungen wieder zu einer funktionierenden Mannschaft zusammengefügt werden. Wie gut das gelingt, könnte gerade bei den Vereinen mit vielen Nationalspielern mindestens so wichtig werden wie die Frage, wie intensiv während der Pause trainiert wurde.
18 Vereine bekommen dieselbe Zahl an Tagen – aber nicht dieselbe Pause
Darin liegt das eigentlich Spannende an diesem Experiment. Der Kalender gibt jedem Zweitligisten dieselbe Unterbrechung, die sportlichen Voraussetzungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Darmstadt verbindet Training mit einer Reise in die USA, Cottbus sucht internationale Wettkampfhärte in Poznań, Osnabrück sammelt gleich mehrere Testspiele. Braunschweig beginnt mit individuellem Training, Hannover nutzt die Zeit für den Start eines neuen Trainers und Hertha versucht trotz zahlreicher Abstellungen, eine perfekte Serie am Leben zu halten.
Welche Strategie am besten funktioniert, lässt sich heute noch nicht seriös beantworten. Genau das macht den siebten Spieltag ungewöhnlich interessant. Wenn am 9. Oktober wieder um Punkte gespielt wird, beginnt für die 2. Bundesliga eine neue Phase dieser Saison.
Dann lässt sich erstmals beobachten, was drei Wochen ohne Liga tatsächlich mit einer Mannschaft machen. Für einige Vereine könnte die Unterbrechung der Moment gewesen sein, in dem sie entscheidende Probleme lösen konnten. Andere werden vor allem darauf hoffen, dass sich nach 22 Tagen möglichst wenig verändert hat.