Wo der Fußball seit 150 Jahren zu Hause ist

Auf den Dresdner Güntzwiesen trieben englische und amerikanische Einwanderer schon 1873 einen Ball über die Wiese. Später entstanden Sportplätze, eine Kampfbahn und aus den Trümmern des Krieges ein neues Stadion. Seit 1957 ist der Ort die Heimat von Dynamo Dresden. Vereine, Regeln und politische Systeme wechselten – gespielt wurde immer weiter. Die Geschichte eines bemerkenswerten Fußballortes.
Wer heute an der Lennéstraße 12 vorbeikommt, muss nicht lange überlegen, wofür dieser Ort steht. Mehr als 30.000 Menschen passen ins Rudolf-Harbig-Stadion. Hinter den steilen Tribünen liegt der Große Garten, nebenan das Georg-Arnhold-Bad. Wenn Dynamo Dresden spielt, strömen die Menschen aus der Innenstadt hierher. Das Stadion selbst, in das sie strömen, ist vergleichsweise jung. 2009 wurde der Neubau eröffnet. Dynamo spielt seit 1957 an dieser Stelle. Das erste Stadion entstand 1923, ein Sportplatz ist auf dem heutigen Gelände seit 1896 nachweisbar. Und trotzdem beginnt die Geschichte dieses Ortes noch früher. So früh, dass Fußball damals noch nicht einmal das bedeutete, was wir heute darunter verstehen.
Männer mit nackten Knien
Am 18. Oktober 1873 gründeten in Dresden lebende Engländer und Amerikaner den Dresden Football Club. 64 Männer gehörten zu den Gründungsmitgliedern, erster Präsident wurde John Smith Gilderdale. Trainiert wurde auf den Güntzwiesen am Großen Garten. Was dort vor sich ging, muss für viele Dresdner ziemlich fremdartig ausgesehen haben.
Die Illustrirte Zeitung berichtete im April 1874 über die Männer und ihre ungewöhnliche Kleidung: kurze Beinkleider, die das Knie frei ließen, lange Strümpfe und leichte Schuhe. Eine Anzeige in den Dresdner Nachrichten kündigte im März desselben Jahres die „Athletic Sports“ des English-American Football-Clubs an. Der Sport war damals offensichtlich ungewöhnlich genug, um den Menschen erklärt werden zu müssen.

Der Dresden Football Club wird gelegentlich als erster Fußballverein Deutschlands bezeichnet. Verständlich, aber der Fehler liegt im Wort „Football“. Die Männer spielten in ihren Anfangsjahren zunächst nach Rugby-Regeln. „Association Football“, also das Spiel, aus dem unser heutiger Fußball hervorging, lässt sich beim DFC erst deutlich später nachweisen. Das Dresdner Vereinsarchiv geht davon aus, dass die Fußball-Ära in Dresden um 1890 begann. Für Fußball nach diesen Regeln gibt es aus Lüneburg bereits einen Beleg aus dem Jahr 1875. Es ist also zu erkennen, warum es immer wieder zu dieser Unschärfe kommt. Dresden braucht die Legende vom ersten deutschen Fußballverein ohnehin nicht. Was danach geschah, ist interessant genug.
Eine Mannschaft, deren Niederlage niemand glauben wollte
Am Neujahrstag 1891 trat der Dresden Football Club gegen den English FC Berlin an. Es ist das erste bislang dokumentierte Association-Football-Spiel der Dresdner gegen einen anderen Verein. Dresden gewann 7:0.
In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus eine regelrechte Serie. Eine Auswahl des Deutschen Fußball- und Cricketbundes wurde 1892 mit 3:0 geschlagen, der English FC Berlin am selben Tag mit 6:0. Viktoria Berlin verlor 1893 auf den Güntzwiesen 0:5, Regatta Prag 0:4. Im März 1894 reisten die Dresdner nach Prag und gewannen 9:0.
Damals war der Fußball in Deutschland natürlich noch weit von den Strukturen entfernt, die wenige Jahre später zur Gründung des DFB führen sollten. Trotzdem erkennt man in diesen Begegnungen bereits vieles, was wir noch heute sehen können: Mannschaften reisten schon damals durch Mitteleuropa, Ergebnisse wurden aufgezeichnet und weitergegeben und Vereine entwickelten ihren eigenen Ruf. Der Ruf der Dresdner war zurecht beeindruckend.
Die ersten sechs dokumentierten Begegnungen dieser Serie gewann der DFC ohne Gegentor. Dann reiste die Mannschaft am 10. März 1894 nach Berlin. Viktoria, wenige Monate zuvor noch mit 0:5 unterlegen, gewann 2:0. Nach späteren Überlieferungen soll die Nachricht per Telegramm Dresden erreicht haben. Dort habe man das Ergebnis zunächst kaum glauben wollen. Falls das ein wenig nach modernem Fußball klingt, ist das vermutlich kein Zufall.
Aus einer Wiese wird ein Sportort
Die Güntzwiesen waren damals weit mehr als ein Fußballplatz. Hier wurde gelaufen, geturnt und Rad gefahren, Cricket und Tennis gespielt. Sport bekam mitten in Dresden einen festen Ort. 1896 wird erstmals ein Sportplatz auf dem Gelände des heutigen Stadions erwähnt. Um die Jahrhundertwende kamen weitere organisierte Fußballer an die Lennéstraße. Der Dresdner SC nutzte die Güntzwiesen zeitweise, 1910 gründete der dort ansässige Verein Dresdensia eine Fußballabteilung. Dort begann später auch die Laufbahn von Helmut Schön.
1903 wurde zudem eine Entscheidung getroffen, deren Wirkung man mehr als ein Jahrhundert später noch sehen kann. Die Güntz-Stiftung übertrug ihre Flächen an die Stadt und verband dies mit der Vorgabe, sie dauerhaft für Erholung, Sport und Spiel bereitzuhalten. Der Ort blieb bis heute dem Sport erhalten. Am 4. Juni 1911 wurde auf den Güntzwiesen sogar um die deutsche Meisterschaft gespielt. Viktoria Berlin besiegte den VfB Leipzig im Finale 3:1. Drei Monate später trat dort die deutsche Nationalmannschaft gegen Österreich an. 7.500 Zuschauer sahen ein 1:2. Aus der Wiese war endgültig einer der wichtigen Sportplätze Dresdens geworden.
Ein Rattengift-Millionär baut ein Stadion
Die nächste Veränderung verdankte Dresden einem Mann mit einem ungewöhnlichen Weg zum Vermögen. Hermann Ilgen war Apotheker und Unternehmer. Reich geworden war er unter anderem mit einem Mittel zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen. Im Volksmund trug er deshalb den wenig schmeichelhaften Beinamen „Mäusetod“. Ilgen stellte aus seinem Stiftungsvermögen Geld für den Bau eines Stadions auf den Güntzwiesen zur Verfügung. Im Mai 1923 wurde die Dresdner Kampfbahn eröffnet. Rund 24.000 Zuschauer fanden Platz, überwiegend auf Stehplätzen. Beim Eröffnungsländerspiel gegen Finnland waren die Ränge voll.
Damit hatte der Ort zum ersten Mal etwas, das unserem heutigen Verständnis eines großen Stadions nahekommt. Er sollte allerdings bald für weit mehr stehen als Sport. Während der NS-Zeit wurde die Anlage 1937 nach Ilgen benannt. Sie diente neben Sportveranstaltungen auch politischen und militärischen Inszenierungen; noch im November 1944 wurden dort zehn Volkssturm-Bataillone vereidigt. Wenige Monate später war die Kampfbahn schwer zerstört.

Aus Dresdens Trümmern werden Tribünen
Nach dem Krieg ordnete die sowjetische Kommandantur an, wichtige Dresdner Sportanlagen wiederherzustellen. Ab März 1948 rollten deshalb Trümmerbahnen auch zur alten Ilgen-Kampfbahn. Mehr als 100.000 Kubikmeter Schutt wurden dort verbaut. Die Trümmer der zerstörten Stadt wurden zu Traversen des neuen Stadions. Als diese rund sechs Jahrzehnte später für den heutigen Neubau wieder abgetragen wurden, kamen darunter noch zehn Brandbomben zum Vorschein, die man vermutlich einfach übersehen und mit eingebaut hatte.

Am 18. September 1951 wurde das neue Sportoval vor rund 30.000 Menschen mit einem großen Sportfest eingeweiht. Es erhielt den Namen Rudolf-Harbig-Stadion – nach dem Dresdner Mittelstreckenläufer, der an dieser Stelle 1941 seinen eigenen Weltrekord über 1000 Meter verbessert hatte und während des Krieges gefallen war. Fußball wurde ebenfalls gespielt: Dynamos Vorgängerverein, die SG Deutsche Volkspolizei Dresden, trat wenige Tage später vor 14.000 Zuschauern gegen Lokomotive Stendal an und verlor 1:3. Dynamo Dresden gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Dann kam Dynamo
Gegründet wurde die SG Dynamo Dresden 1953. Ihre ersten Jahre verbrachte die Mannschaft hauptsächlich im größeren Heinz-Steyer-Stadion im Ostragehege. Erst Anfang 1957 erfolgte der Umzug an die Lennéstraße. Damit begann eine Epoche, die den Ort bis heute prägt. In den folgenden Jahrzehnten wurde aus dem Leichtathletikoval eine der bekanntesten Fußballadressen der DDR. 1969 kamen vier markante Flutlichtmasten hinzu, die wegen ihrer Form bald nur noch „Giraffen“ genannt wurden. 1979 folgte eine elektronische Anzeigetafel mit 4.333 Glühlampen. Wer an der Schreibmaschine einen Fehler machte, ruinierte gleich die ganze Zeile.

Unter den Giraffen empfing Dynamo Liverpool, Ajax Amsterdam, Bayern München und andere europäische Spitzenmannschaften. Bis zu 37.000 Zuschauer drängten sich bei den großen Europapokalabenden im Stadion. 1989 kam der VfB Stuttgart zum UEFA-Cup-Halbfinale. Auch der Name des Stadions erzählte inzwischen politische Geschichte. 1971 verschwand Rudolf Harbig aus der Bezeichnung, die Spielstätte wurde zum Dynamo-Stadion. Nach der deutschen Einheit kehrte der alte Name zurück.
Vereine waren gekommen und verschwunden. Ein Kaiserreich war untergegangen, ebenso eine Diktatur. Ein Krieg hatte das Stadion zerstört, ein anderer deutscher Staat hatte es wieder aufgebaut. Der Fußball jedoch blieb an der Lennéstraße.
Fast wäre die Geschichte doch noch zu Ende gegangen
Nach der Wiedervereinigung verlor der Ort langsam seinen Glanz. Dynamo stieg sportlich und wirtschaftlich ab, 1995 verlor der Verein seine Lizenz. Gleichzeitig alterte das Stadion. Im Jahr 2002 kam das Hochwasser und das Grundwasser stand in der alten Betonschüssel rund einen halben Meter hoch. Ein Neubau war kaum noch zu vermeiden. Nur der Standort war plötzlich nicht mehr selbstverständlich.
In Dresden wurde darüber diskutiert, Dynamo ins Ostragehege zu verlegen. Für viele Anhänger hätte das bedeutet, dass ihr Verein ausgerechnet in die traditionelle Heimat des Dresdner SC ziehen sollte. Um das zu verhindern, gründeten die Fans im Februar 2003 die Initiative ProRHS. Sie kämpften für einen Neubau am Großen Garten und dafür, dass die Lennéstraße Dynamos Zuhause blieb. Die Fans setzten sich schließlich durch und 2007 begann der Abriss des alten Stadions. Dynamo spielte in dieser Zeit teilweise weiter auf der Baustelle. 2009 wurde dann endlich der Neubau eröffnet. Er steht wieder dort, wo zuvor das Harbig-Oval gestanden hatte.

Damit blieb eine Verbindung erhalten, die weit älter ist als der Verein selbst.
Ein Ort, viele Geschichten
Wer heute im Rudolf-Harbig-Stadion steht, befindet sich nicht auf demselben Fußballplatz, auf dem 1873 ein paar Engländer und Amerikaner mit einem Ball experimentierten. Eine solche Behauptung lässt sich historisch leider nicht halten. Aber man steht mitten in demselben Sportareal. Rund um die Güntzwiesen wurde Football gespielt, als in Deutschland noch darüber aufgeklärt werden musste, warum erwachsene Männer kurze Hosen trugen. Hier entstand Ende des 19. Jahrhunderts der organisierte Fußball, wie wir ihn heute noch leben. Hier wurde 1911 um die deutsche Meisterschaft gespielt. Hier eröffnete 1923 eine Kampfbahn, deren Nachfolger aus den Trümmern der zerstörten Stadt gebaut wurde. Und hier fand Dynamo Dresden 1957 die Heimat, um die seine Anhänger fast fünfzig Jahre später gekämpft haben. Hier steht jetzt ein modernes Stadion, das mit der Wiese von 1873 nur noch den ungefähren Standort gemein.
Die Orte an denen Fußball gespielt wird, werden gerne über Beton, Tribünen und Kapazitäten beschrieben. Dabei besteht ihre Geschichte so oft aus etwas anderem: Aus ganz viel Tradition, Leidenschaft und einer Handvoll Menschen, die immer wieder zum selben Fleck einer Stadt zurückkehren, um dort Sport zu treiben. Und später, um Fußball zu schauen. Auf den Dresdner Güntzwiesen tun sie das seit rund 150 Jahren.
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