Kaiserslautern

Oben auf dem Betzenberg

Fans auf dem Weg hinauf zum Betzenberg und das Fritz-Walter-Stadion über Kaiserslautern.

Fünf Weltmeister, vier deutsche Meisterschaften und eines der größten Fußballmärchen der Bundesliga: Der 1. FC Kaiserslautern hat eine Geschichte, die weit über die Grenzen der Stadt mit gut 100.000 Einwohnern strahlt. Sie führt die leidgeplagten Laut’rer bis in die 3. Liga und in ein Insolvenzverfahren. Wer verstehen will, weshalb alle zwei Wochen trotzdem noch immer Zehntausende auf den Betzenberg pilgern, muss weit zurückgehen.

Wer an einem Heimspieltag vom Kaiserslauterer Hauptbahnhof in Richtung Fritz-Walter-Stadion läuft, bekommt eine Eigenart dieses Vereins ziemlich schnell zu spüren. Der Weg führt bergauf. Über Straßen und Treppen ziehen die Menschen auf den Betzenberg, bis irgendwann jenes Stadion vor ihnen liegt, das mit seinen knapp 50.000 Plätzen für eine Stadt mit gut 100.000 Einwohnern auf den ersten Blick viel zu groß wirkt.

An Spieltagen sieht das aber anders aus. Denn dann kommen seit der Saison 2025/26 annähernd 46.000 Zuschauer durchschnittlich zu den Zweitliga-Heimspielen des 1. FC Kaiserslautern. Nur Schalke 04 und Hertha BSC hatten einen höheren Schnitt. Der FCK war da seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr Deutscher Meister, seit mehr als zehn Jahren nicht mehr Bundesligist und hatte zwischenzeitlich vier Spielzeiten in der 3. Liga verbracht.

Das ist der perfekte Ausgangspunkt für unsere Geschichte über diesen Verein. Denn beim FCK passen Gegenwart und Vergangenheit nur schwer in dieselben Dimensionen.

Ein Weltmeisterverein aus der Pfalz

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg musste Fritz Walter Probleme lösen, die mit modernem Profifußball wenig gemeinsam hatten. Lebensmittel waren knapp, Ausrüstung ebenfalls. Walter trainierte die Mannschaft zeitweise selbst, arbeitete als Geschäftsführer und half dabei, überhaupt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der FCK Fußball spielen konnte.

Aus dieser Zeit stammen die Geschichten über die „Grumbeerspiele“. Die Lauterer fuhren zu Mannschaften im ländlichen Umfeld und erhielten für ihre Auftritte teilweise Lebensmittel. Kartoffeln waren in diesen Jahren wertvoller als Geld.

Aus diesen improvisierten Verhältnissen wuchs jedoch eine Mannschaft, die den deutschen Fußball der frühen 1950er-Jahre prägen sollte. 1951 gewann Kaiserslautern seine erste deutsche Meisterschaft, 1953 die zweite. Insgesamt fünfmal stand die Mannschaft des FCK zwischen 1948 und 1955 im Endspiel um den Titel.

Dann kam Bern.

Als Deutschland am 4. Juli 1954 im WM-Finale gegen Ungarn antrat, standen fünf Spieler des FCK in der deutschen Mannschaft: Fritz Walter, sein Bruder Ottmar, Werner Liebrich, Horst Eckel und Werner Kohlmeyer. Fast die Hälfte der Elf, die später als Weltmeister in die deutsche Fußballgeschichte einging, kam aus Kaiserslautern.

Spielszene aus dem WM-Finale 1954 mit Fritz und Ottmar Walter im Wankdorfstadion in Bern.
WM-Finale 1954 in Bern mit Fritz und Ottmar Walter. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Comet Photo AG (Zürich) / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Quelle.

Für eine Stadt in der Pfalz war das eine bemerkenswerte Konzentration fußballerischer Qualität. Für den FCK wurde diese Generation zum Fundament einer Identität, die weit über ihre Titel hinausreichte und bis in die Gegenwart wirkt.

Im Mittelpunkt stand Fritz Walter. Er war in Kaiserslautern geboren, spielte schon als Junge für den Verein und blieb ihm bis zum Ende seiner Karriere treu. Angebote aus dem Ausland, mit denen er erheblich mehr hätte verdienen können, schlug er aus. Nach seiner Karriere engagierte er sich unter anderem für die Sepp-Herberger-Stiftung und besuchte jugendliche Strafgefangene.

Als Walter 1959 sein Abschiedsspiel bestritt, kamen rund 20.000 Menschen auf den Betzenberg. Sepp Herberger war ebenfalls dort. Seit 1985 trägt das Stadion den Namen Fritz Walters.

Man kann deshalb kaum über den FCK sprechen, ohne irgendwann bei ihm anzukommen. Der größte Spieler des Vereins steht für eine Zeit, in der Kaiserslautern tatsächlich einer der wichtigsten Orte des deutschen Fußballs war. Gleichzeitig hinterließ diese Generation etwas, mit dem alle späteren Mannschaften leben mussten: die Vorstellung davon, wie groß dieser Verein einmal sein konnte.

1996: Innerhalb einer Woche vom Absteiger zum Pokalsieger

Mehr als vier Jahrzehnte später schien diese Größe plötzlich zu zerbrechen.

Der FCK hatte seit Gründung der Bundesliga 1963 ununterbrochen erstklassig gespielt. 1991 war er unter Karl-Heinz Feldkamp sogar noch einmal Deutscher Meister geworden. Fünf Jahre später fuhr Kaiserslautern am letzten Spieltag nach Leverkusen und brauchte einen Sieg, um den ersten Bundesliga-Abstieg seiner Geschichte zu verhindern.

Es reichte nur zu einem 1:1.

Andreas Brehme, Weltmeister von 1990 und damals Kapitän des FCK, stand nach dem Abpfiff weinend auf dem Rasen. Rudi Völler nahm ihn in den Arm. Das Bild gehört bis heute zu den bekanntesten Szenen dieses Abstiegs.

Sieben Tage später stand dieselbe Mannschaft im Berliner Olympiastadion. DFB-Pokalfinale gegen den Karlsruher SC. Martin Wagner traf per Freistoß zum 1:0. Kaiserslautern war gerade aus der Bundesliga abgestiegen und durfte trotzdem einen Titel feiern.

Schon diese eine Woche wäre für viele Vereine genug Stoff für eine Generation von Fußballgeschichten gewesen. Doch beim FCK wurde sie nur zum Auftakt einer Achterbahnfahrt:

Otto Rehhagel übernahm die Mannschaft. Der direkte Wiederaufstieg gelang souverän. Und am ersten Spieltag der Bundesligasaison 1997/98 führte der Spielplan den Aufsteiger ausgerechnet zum amtierenden Meister Bayern München.

Rehhagel kannte diesen Gegner besonders gut. Bayern hatte ihn 1996 kurz vor dem UEFA-Cup-Finale entlassen.

Im Münchner Olympiastadion hielt Kaiserslautern dagegen. In der 80. Minute traf Michael Schjønberg zum 1:0. Der Aufsteiger hatte beim Meister gewonnen.

Eine nette Pointe für den ersten Spieltag, hätte man damals denken können. Doch Kaiserslautern verschwand nicht wieder aus der Spitzengruppe. Im Gegenteil: Im Dezember kamen die Bayern zum Rückspiel auf den Betzenberg – und verloren erneut. Diesmal 0:2. Aus dem ungewöhnlich starken Aufsteiger war längst ein ernsthafter Titelkandidat geworden.

Am 33. Spieltag war das Unglaubliche möglich. Der FCK empfing den VfL Wolfsburg und gewann 4:0. Weil Bayern gleichzeitig nicht mehr vorbeiziehen konnte, war Kaiserslautern Deutscher Meister.

Ein Jahr zuvor hatte dieser Verein noch in der 2. Bundesliga gespielt.

Bis heute hat kein anderer Bundesliga-Aufsteiger dieses Kunststück wiederholt.

FCK-Zeitleiste von Abstieg und Pokalsieg 1996 über Wiederaufstieg 1997 bis zur Meisterschaft 1998.
18|34-Grafik: Vom Abstieg 1996 zur Deutschen Meisterschaft 1998.

Als die Ausnahme zum Maßstab wurde

Die Meisterschaft von 1998 ist wahrscheinlich die schönste Geschichte, die man über den FCK erzählen kann. Sie ist möglicherweise auch eine der gefährlichsten. Denn wer gerade erlebt hat, dass ein Aufsteiger Deutscher Meister werden kann, entwickelt zwangsläufig ein anderes Gefühl dafür, was für den eigenen Verein möglich sein sollte. Kaiserslautern spielte auch danach international, erreichte 1999 das Viertelfinale der Champions League und 2001 das Halbfinale des UEFA-Pokals.

Gefüllte Westkurve des Fritz-Walter-Stadions vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt am 15. April 2000.
Westkurve des Fritz-Walter-Stadions vor FCK–Eintracht Frankfurt am 15. April 2000. Foto: P170 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Quelle.

Der Betzenberg gehörte weiterhin zu den großen Bühnen des deutschen Fußballs. Für die Weltmeisterschaft 2006 wurde das Stadion umfassend ausgebaut. Gleichzeitig geriet der Verein wirtschaftlich immer stärker unter Druck.

Die Probleme waren komplizierter als eine einzelne falsche Entscheidung. Sportlicher Anspruch, hohe Kosten, Stadionumbau und sinkende Einnahmen griffen ineinander. 2003 kaufte schließlich eine Gesellschaft der Stadt das Stadion. Der FCK bekam dadurch kurzfristig Luft, doch damit begann eine Verbindung, deren Folgen Kaiserslautern noch viele Jahre beschäftigen sollten.

Der Verein spielte fortan in einem Stadion, das emotional weiterhin sein Zuhause war, wirtschaftlich aber der Stadt gehörte. Solange der FCK in der Bundesliga spielte und entsprechende Einnahmen erzielte, ließ sich dieses Verhältnis leichter tragen. Mit jedem sportlichen Abstieg wurde es schwieriger.

2006 stieg Kaiserslautern zum zweiten Mal aus der Bundesliga ab. 2010 gelang noch einmal die Rückkehr, zwei Jahre später ging es wieder hinunter. Diesmal kam der FCK nicht zurück.

Und plötzlich wurde der Betzenberg zu einem Symbol für beide Seiten dieser Vereinsgeschichte. Die fast 50.000 Plätze erinnerten daran, welche Bedeutung Kaiserslautern einmal im deutschen Fußball gehabt hatte. Die Kosten erinnerten daran, dass sich Vergangenheit nicht zur Finanzierung der Gegenwart verwenden lässt.

41.324 Menschen in der 3. Liga

Im Frühjahr 2018 war schließlich auch die 2. Bundesliga verloren. Der viermalige Deutsche Meister stieg erstmals in die 3. Liga ab.

Am 28. Juli begann dort die neue Saison. Gegner war 1860 München, ebenfalls ein großer Name mit reichlich eigener Geschichte und einer leidgeprüften Fan-Szene.

41.324 Zuschauer kamen für dieses Spiel in der 3. Liga auf den Betzenberg. Eine Zahl, die mehr über den FCK erzählt als viele Beschreibungen seiner Tradition. Sportlich war Kaiserslautern so tief gefallen wie nie zuvor. Der erste Schritt zurück fand trotzdem vor einer Kulisse statt, um die den Verein damals zahlreiche Erst- und Zweitligisten beneidet hätten.

41.324 Zuschauer beim ersten Drittligaspiel des 1. FC Kaiserslautern gegen 1860 München.
18|34-Grafik: 41.324 Zuschauer beim ersten Drittligaspiel gegen 1860 München.

Das Spiel selbst passte zum Ort. Lange stand es 0:0, ehe Janek Sternberg kurz vor Schluss das 1:0 erzielte. Mehr als 41.000 Menschen konnten zumindest für einen Nachmittag so tun, als wäre der Absturz nur ein Umweg.

In Wirklichkeit dauerte er vier Jahre. Und zeitweise stand wesentlich mehr auf dem Spiel als die Frage nach der Liga.

Jetzt geht es um die Existenz

Im Juni 2020 beantragte die ausgegliederte Profifußballgesellschaft des FCK ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Die Corona-Pandemie hatte die Lage zusätzlich verschärft, doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren über viele Jahre vorher angewachsen.

Damit bekam der Niedergang eine Dimension, die sich nicht mehr mit einem Trainerwechsel oder einer guten Transferperiode lösen ließ. Auch die Stadt hing längst mit in dieser Geschichte. Die Stadiongesellschaft musste einen ursprünglich 65 Millionen Euro schweren Kredit für den Kauf des Fritz-Walter-Stadions bedienen. Gleichzeitig konnte ein Drittligist keine Pacht bezahlen, die für einen Bundesligisten kalkuliert worden war. 2018 wurde in Kaiserslautern öffentlich darüber diskutiert, welche Folgen weitere Zugeständnisse an den FCK für den städtischen Haushalt haben könnten.

An diesem Punkt wird die besondere Beziehung zwischen Stadt und Verein unbequem, aber auch deutlich. Der FCK war für Kaiserslautern Identität, Wirtschaftsfaktor und bundesweit bekanntes Aushängeschild. Seine Größe erzeugte zugleich Verpflichtungen, die nicht einfach verschwanden, als die Mannschaft sportlich abstürzte.

Das Insolvenzverfahren wurde Ende 2020 abgeschlossen. Regionale Investoren beteiligten sich am Neustart. Auf dem Platz blieb die Situation zunächst prekär; zeitweise musste der FCK sogar darum kämpfen, nicht noch weiter abzurutschen.

Für Anhänger, die Fritz Walter zumindest aus Erzählungen kannten und 1998 auf dem Betzenberg erlebt hatten, war das eine bemerkenswerte Fallhöhe. Der große Gegner hieß nun nicht Bayern München. Es ging gegen Vereine wie Verl, Zwickau und Türkgücü München. Der Betzenberg blieb trotzdem stehen. Und die Menschen kamen weiterhin.

Dresden, 24. Mai 2022

Vier Jahre nach dem Abstieg bekam Kaiserslautern seine Chance zur Rückkehr.

In der Relegation wartete Dynamo Dresden. Das Hinspiel auf dem Betzenberg endete 0:0. Die Entscheidung fiel vier Tage später vor mehr als 30.000 Zuschauern im Rudolf-Harbig-Stadion.

Daniel Hanslik traf in der 59. Minute für Kaiserslautern. Dresden musste nun zwei Tore erzielen. Als Philipp Hercher in der Nachspielzeit das 2:0 machte, war der Aufstieg zurück in die 2. Bundesliga perfekt.

Für den FCK bedeutete dieser Abend zunächst nur einen Aufstieg von der dritten in die zweite Spielklasse. Nach allem, was in den Jahren zuvor passiert war, fühlte er sich aber nach so viel mehr an.

Zwei Jahre später stand Kaiserslautern wieder im Berliner Olympiastadion. DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen. Dieses Mal gab es kein Märchen wie 1996. Leverkusen gewann 1:0. Dass ein Zweitligist aus Kaiserslautern überhaupt wieder auf dieser Bühne stand, passt trotzdem perfekt zur Geschichte des Vereins aus der Pfalz.

Zeitleiste des 1. FC Kaiserslautern von der Meisterschaft 1998 bis zum DFB-Pokalfinale 2024.
18|34-Grafik: Die sportliche Achterbahnfahrt von 1998 bis 2024.

Warum der FCK den Betze noch immer voll macht

Heute lässt sich der FCK schwer allein über seine sportliche Position beschreiben: Zweitligist, 39.000 Mitglieder, mehr als 500 offizielle Fanclubs und ein Einzugsgebiet, das weit über die Stadt hinausreicht. In der vergangenen Saison kamen durchschnittlich fast 46.000 Menschen zu den Heimspielen.

Das sind Größenordnungen, die erklären, warum Kaiserslautern auf der Fußballkarte Deutschlands nie so klein geworden ist wie es zwischenzeitlich auf der sportlichen Karte aussah.

Darin liegt auch die Besonderheit des Betzenbergs. Viele Stadien erzählen vor allem davon, was dort gerade passiert. Dieses Stadion lebt vor, was dort einmal passiert ist: Wer die Treppen hinaufgeht, landet in einem Stadion, das Fritz Walters Namen trägt. Fünf Weltmeister spielten dort. Vier Meisterschaften wurden gefeiert. Otto Rehhagels Aufsteiger schlug zweimal Bayern und wurde Meister. Wenige Jahre später begann ein Niedergang, der bis in die 3. Liga und in ein Insolvenzverfahren führte.

Keine dieser Geschichten garantiert dem FCK irgendetwas für die Zukunft. Tradition gewinnt keine Zweikämpfe, bezahlt keine Rechnungen und schießt keine Tore. Sie erklärt aber, weshalb beim nächsten Heimspiel wieder Zehntausende aus der Pfalz nach Kaiserslautern fahren und vom Hauptbahnhof denselben Weg nehmen.

Bergauf.


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